Wohnungs-Streich-Pitch

Das lustige Völkchen der Kreativen (da meine ich natürlich die Werbeschaffenden deren Macken ich ausreichend kenne), und da ist es egal ob kleiner Freelancer oder CEO einer internationalen Agentur, hat einen hübschen Brauch nämlich neue Aufträge in Form eines Pitches.

Das ist eine lustige Sache und bedeutet schufften, schufften, schufften bis die Augen glühen und zwar Überstunden satt bis in die Morgenstunden und das alles natürlich für lau.

Dann präsentiert man diese geistigen Ergüsse in Form einer Ausschreibung und jeder Popahn vom Senior Marketingchef bis hin zum maulwürfigen Buchhalter und Prokuristen müssen es dann wohlwollend abnicken. Erst dann entscheidet sich ob alles umsonst war oder ob nun weitere Nachtarbeit ins haus steht. Meist rutscht man dann auf Brustwarzen zum Creative-Director und bittet um Ferien.
Lange Rede kurzer Sinn – es ist ein schöner Brauch, entwickelt von der hippen Werbebranche und es wird höchste zeit das lustige Pitch-Prinzip in alle anderen Berufe zu katapultieren und zu etablieren.

Denn das was für Kreative gut, soll für andere nur billig sein.
Es ist einer dieser ersten sonnigen tage in meiner neuen Wohnung der Burg, im fernsehen läuft nur Mist, der von anderem Mist unterbrochen wurde und die Sonne schien etwas durchs Fenster.
So hell, dass es mir schwer fiel, die dunklen Verfärbungen an der Wand länger zu ignorieren.
Ich entschied mich, das malen zur Abwechslung einem echten Profi zu überlassen, zumal man mir das dringend geraten hatte aufgrund der komplizierten Kalkung einer Burgwohnung.
Gesagt getan, ich suchte mir im Büro die Telefonnummern einiger Maler heraus, die mir geeignet erschienen (ich achte da streng auf Namensgebung und Präsentation im örtlichen Telefonbuch) nahm mein Mobilteil und wählte die erste nummer.

“Malermeisterbetrieb Renz?”
“Guten Tag, lieber Maler. Ich beabsichtige meine Wohnung anstreichen zu lassen. Ich möchte sie zu einem Pitch einladen. Wann können Sie kommen?”
“Pisch? Sie meinen Kostenvoranschlag!?”
“Nein … Pitch mit t´ ohne s´ in der Mitte.
Da streichen sie vorab kostenlos einen teil der Wohnung, um ihre Kompetenz in Sachen Altweiß unter beweis zu stellen.”
“Also … und verstehe ich sie da recht…. sie wollen, dass ich ihnen ein Zimmer streiche? umsonst?? Damit sie beurteilen können, ob ich anstreichen kann? Ist das ein Scherz?
…hören sie mal, ich bin eingetragener Meister, ich streiche seit 20 Jahren … ”
“Ja, deswegen habe ich mich auch entschieden, sie zum Pitch einzuladen. Sie haben einen super Ruf in der Branche. Wissen sie, mir – liegt die Qualität am Herzen. Außerdem möchten ich wissen, wie es so um ihre Kreativität bestellt ist.”
“Wie Kreativität? Soll ich die Wohnung nun weiß streichen oder was?”
“Na ja, sie wissen schon, ihr Strich und so. Der persönliche Stil eben …”
“Das wird mit der Rolle gemacht. Inne Farbe rein, übers Abtropfgitter und auffe Wand. Abrollen, zack, fertig! Das mach ich nun so seit 20 Jahren. Wie mein Vater davor und davor mein Großvater.”
“Das weiß ich auch zu schätzen. Ich beobachte die Entwicklung Ihres Unternehmens schon lange und kenne viele Ihrer exzellenten Arbeiten.”
“Dann wissen sie doch, wie wir arbeiten.”
“Ja und nein. Wissen sie, jedes Zimmer ist anders, hat individuelle Bedürfnisse. Sie müssen wissen, dass ich mir seit über 30 Jahren wände anschaue, seit ich geboren bin. Glauben sie mir, ich weiß inzwischen genau, wann mir eine Wand gefällt und wann nicht. Das muss schon alles passen.”
“Was muss passen? Die Farbe? Die bestimmen sie doch ?!??!”
“Ja, ja, ja … aber wir müssen uns ja auch etwas beschnuppern, prüfen, wie die Zusammenarbeit so läuft. Das muss ich schon in meiner eigenen Wohnung sehen.”
“Wie jetzt Zusammenarbeit? Ich komme mit dem Gesellen und male die Wohnung, sie schreiben einen Scheck. fertig is !”
“Da lassen sie aber eine Menge aus, mein lieber Maler. Ich erwarte einen Zwischen-Check um die Richtung festzulegen.
Eine art Vorab-Präsentation mit folgendem Screening. Dann müssen meine Bekannten und Freunde den fertigen Anstrich sehen. Denn jeder hat ja so seine Meinung und die wollen wir doch alle berücksichtigen… Kann sein, dass sie dann noch mal ran müssen.”
“Verstehe ich das richtig? Sie sagen ich soll Altweiß malen, und wenn ich fertig bin, sagt ihr Freund, rot wäre besser, so dass ich gratis noch mal alles in rot streichen darf …?”
“Jetzt verstehen wir uns. Außerdem bin ich sehr eigen was Exklusivität betrifft. Wenn sie für mich arbeiten, müssten sie sich verpflichten für ein Jahr keine Wohnung im Großraum Tittmoning und vor allem keine in Altweiß zu streichen. ich hätt da schon gern etwas Besonderes.”
klick … tut-tut-tut-tut
“hallo …?”

Zu meinem Erstaunen verliefen die Gespräche mit den anderen Malermeistern, die ich mir aus dem Telefonbuch gesucht hatte, ähnlich.
Keine Flexibilität, weder Kompromissbereitschaft, noch eine spur von Höflichkeit.
Einer der Malermeister hatte sogar die Chuzpe diverse kaum schmeichelhafte Vermutungen über meine Abstammung und meine Mutter zum besten zu geben. Obwohl das nun wirklich nichts zur Sache beitrug. Ein anderer fragte mich, ob ich von `verstehen sie spaß´ sei?
Ich fragte mich derweil eher, ob dieser Hans-Werner Sinn nicht eventuell doch recht mit seinem Buch hatte. Geht es uns Deutschen zu gut? Hat Handwerk goldenen Boden?? Warum war ich dann in der Werbung gelandet???
Da war ich nun bereit, den Anstrich für meine Burgwohnung als Pitch auszuschreiben – zwar ohne Garantien und mit jeder menge Verpflichtungen – aber für immerhin knapp mehr als einen Euro die Stunde plus Material – so ist das auch bei kleineren Werbeagenturen. Die arbeiten manchmal eine ganze Woche für ein läppisches logo und berechnen am ende schlappe 300 Euro.
Egal, was soll’s? Dann nehme ich eben die billigen Polen, die mir womöglich mein Vermieter empfiehlt.
Ach verdammt. Da fällt mir ein: die schicken eh ihre eigenen Maler.
Das sind die Lead-Maler meines Vermieters.

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