Der weiße Schmetterling

Es war der sanfte Lufthauch den sie spürte, der von der Wiese über ihr Gesicht streifte und den sie als kleines Mädchen schon so geliebt hatte. Sie liegt im Gras, erschöpft und kann sich kaum bewegen. Sie spürt den Schmerz und die Erschöpfung überall in ihrem Körper.
Nur noch etwas liegen bleiben, die frische Wiesenluft tief in sich einatmen und Kräfte schöpfen für die nächsten Anstrengungen die jetzt noch vor ihr liegen, denkt sie sich. Hoch über ihr der blaue Himmel, ein paar weiße dicke Wolken die sich ganz gemächlich, kaum bemerkbar vorwärts schieben.

Der Weg bis hier war so schwer, so viel Kampf und Anstrengung, was sie Ihrem Körper abverlangen musste.
So viele schwere Anstiege überwunden und immer weiter und immer weiter.
Sie ist noch nicht weit genug fort von ihm, zu gering ist der Abstand den sie zwischen sich und ihm gelassen hat. Sie fühlt noch immer seine Nähe im Nacken – doch ihr Körper ist einfach am Ende.
Sie blickt hinauf zu den Wolken und diese Ruhe beruhigt sie, die sanfte Vorstellung von Normalität.
So gerne würde sie sich sagen, es ist alles in Ordnung, du bist angekommen, hast das schlimmste überstanden, aber tief in sich drin weiß sie, dass das nicht stimmt.

Langsam versucht sie sich aus der Wiese wieder aufzurichten. Jeder Muskel schmerzt, jede Faser ihres Körpers scheint zu schreien, ich kann nicht mehr. Doch ihr ist bewusst, sie muss weiter, weiter immer weiter fort von ihm.
Sie befreit sich von ihrer Bluse, damit die kühle Luft über ihren verschwitzten Körper streichen kann, sie mehr Abkühlung verspürt.
Was konnte sie früher als junges Mädchen rennen, ohne Pause, dachte sie sich.
Von morgens bis abends und heute wo sie diese Kraft so dringend bräuchte wollen ihre Beine sie einfach nicht mehr tragen. Sie erinnert sich daran wie es sich anfühlte als sie ein kleines Mädchen war.
Wie sie in den Spiegel blickte in ihrem kleinen Sommerkleidchen und ihre Mama ihr über die blonden Harre strich. In ihrer Erinnerung hat sie genau abgespeichert wie sich das anfühlte, ja sogar wie ihre Mama roch und als sie so in Gedanken zum Horizont schaute, und den anstrengenden Weg sah der noch vor ihr lag, entfuhr ihren Lippen, ein zartes kaum hörbares fast flehentliches „Mama“.

Sie wusste aber, Mama war nicht da, sie mussten diesen letzten, schweren Weg alleine schaffen.
Wieviel Zeit ist vergangen als sie dieses kleine, lachende und unbeschwerte Mädchen war.
Wieviele Träume hatte sie, als sie damals in diesen Spiegel blickte, unbeschwert wie nur ein kleines Kind es war- Irgendwann trat dann er in ihr Leben. Er dessen Namen sie nicht mehr aussprechen wollte, an den sie nicht einmal denken wollte. Er der alles schwarz und dunkel machte, sie auffraß und all ihre Lebenskraft verschlungen hat.
Sie blickte an ihrem Körper hinunter, sah wie er gezeichnet war von dieser Zeit mit ihm.
Die Striemen und Narben – und wie stolz sie einst auf ihre makellose, und wunderschöne Haut war.
Sie spürt die Einstiche der Nadeln an ihrem Arm, jede einzelne als würde es gerade wieder passieren. Sie hat das nicht gewollt, sie will es nicht!
Sie muss weiter kämpfen und weiter laufen bis zum Horizont, dort wo gerade die Sonne über die fernen Gipfel tanzt. Dort ist sie vielleicht in Sicherheit.

Mit letzter Kraft bäumt sie sich auf, steht auf ihren schwachen Beinen. Ihre Knie zittern, kaum noch Reserven vorhanden, ihr Körper ist abgemagert, ausgemergelt – fast alle Kraft verbraucht im langen Kampf mit ihm. Plötzlich hat sie Tränen in den Augen, Tränen des Zorns, der Verzweiflung angesichts all der Substanz, all der Energie die sie ziellos verpulvert hat in diesem aussichtslosen Kampf mit ihm. Sie ist nicht mehr die, die sie mal war und plötzlich wird ihr das bewusst.
Mit einem lauten Schrei, macht sich diese Verzweiflung Luft, sie schreit ihre Kraftlosigkeit und Verzweiflung heraus, gefangen zu sein in diesem geschundenen, schwachen Körper.
Sie will wieder dieses kleine Mädchen sein, voller Lebensenergie und der Vorstellung dass kein Ort auf der Welt unerreichbar wäre.
Sie läuft los, zuerst gemächlich und vorsichtig, dann immer schneller. Jeden Meter den sie überbrückt ist ein Meter mehr zwischen ihr und ihm, und alleine diese Vorstellung scheint ihr neue Kräfte zu geben. Ihr Blick ist starr auf den Horizont gerichtet, dort wo die Rettung ist, dort wo alle Schmerzen enden und es besser wird.

Sie weiß nicht mehr, wie lange sie jetzt schon so rennt, ihr Herz pocht in ihrer Brust, fast als würde es ihr den Brustkorb zerreißen. Sie bekommt schwer Luft und hat diesen Eisengeschmack auf der Zunge, wie von Blut.
Sie hat längst keine Vorstellung mehr wie viel Strecke sie inzwischen zurück gelegt hat, sie weiß auch nicht wie viel noch vor ihr liegt, wie viele Anstiege sie noch schaffen muss bis alles gut wird.
Plötzlich nistet sich ein Gedanke in ihren Kopf, den sie bisher mit aller Kraft verhindern wollte, – was wenn sie es nicht schafft? Was wenn ihre Kräfte am Ende sind und sie den nächsten Anstieg nicht überwinden kann?
Dieser Gedanke wird immer präsenter in ihrem Hirn, fast pochend breitet er sich aus und umspült ihren ganzen Körper wie ein dunkler, nasser Mantel der schwer an ihr klebt.
Auf einmal spürt sie die Schmerzen wieder in ihrem Körper, ihre Beine die zittern, kaum noch weiter wollen.

Die Sonne geht an den Hügeln langsam unter und die letzten Strahlen streicheln über ihr Gesicht, als wollten sie sie trösten.
Ihr Blick fällt auf einen kleinen Bach der sich vor ihr durch eine bunte, wunderschöne Blumenwiese schlängelt. Sie hört das beruhigende plätschern des Wassers.
Das ist der beste Ort für eine Rast um vielleicht letzte Kräfte zu mobilisieren.
Als sie sich am Bach nieder lässt, um sich am kühlen Wasser zu erfrischen, spürt sie schon, dass ihr Körper es nicht schaffen wird wieder aufzustehen. Sie hat gelernt während ihrer Flucht auf ihren Körper zu hören und die Signale zu deuten. Tief in sich drin fühlt sie, das hier ist vorerst die letzte Station. So sehr sie es auch schaffen will – hier ist ihre Grenze.
Doch plötzlich und unerwartet schwinden die Tränen des Zorns und der Verzweiflung aus ihren Augen. Eine Stimme sagt ihr, es ist ok – du hast alles versucht, es ist ok.
Sie lässt sich nieder an dem Bach und jede Sehne, jeder Muskel in ihr scheint sich zu entspannen und gibt die letzten Kräfte frei. sie ist leer und dieses Gefühl ist seltsamerweise nicht mehr erschreckend und bedrohlich, sondern irgendwie befreiend.
Sie legt sich ins Gras, atmet tief um den Duft der Blumenwiese zu inhalieren um diesen Moment mit jeder Pore ihres Körpers in sich aufzusaugen. Sie schaut an sich hinab, betrachtet ihren gezeichneten Körper, und plötzlich ist dort in Ihrem Gesicht nicht mehr das Bedauern ihre makellose Haut verloren zu haben.
Ganz langsam aber immer stärker kommt in ihr das Bewusstsein auf, das ist der Körper einer Kämpferin.
Einer Frau die immer stark und gerade durchs Leben gegangen ist, die sich den Kämpfen gestellt und nicht verwehrt hat und vom Leben gezeichnet wurde. Eine Frau die sich ihm stolz gestellt hatte und alles versucht und niemals aufgeben würde. Dieser Gedanke stimmte sie irgendwie versöhnlich er breitet sich aus wie ein wohliges Kissen.
Manchmal kann man Erreichtes einfach nicht in Siegen oder zurück gelegten Kilometern messen, sondern nur in dem Versuch sich gestellt zu haben unabhängig davon, wohin es einen führte.

Sie hebt ihren Kopf und blickt noch einmal stolz zum Horizont, dort wo die Sonne in einem blutroten Schleier hinter den Gipfel langsam verschwindet und sie denkt sich, wie wunderschön das doch ist.
Ihr Geist und alle ihre Sinne sind nun viel intensiver. Sie achtet auf das Singen der Vögel, als wären sie nur hier um für sie zu singen. Sie greift in das Gras um sie herum und und nimmt all das Schöne intensiv in sich auf. Alle Gedanken an ihn und den schweren Kampf sind vergessen.
Mit ihrem letzten klaren Blick, sieht sie einen weißen Schmetterling, der um sie tanzt und sich sanft auf einer Blüte nieder lässt.
Sie betrachtet ihn und zum ersten Mal seit langer Zeit muss sie lächeln und fühlt sich frei.
Sie schaut noch einmal hinüber in die Ferne, wo das Licht sich bricht.
Kaum hörbar und fast nicht zu verstehen, entfährt ihren Lippen ein zartes „Mama“ und fast empfindet sie wie damals als sie das junge, unbeschwerte Mädchen war.
Der Raum ist klein, es riecht nach Desinfektionsmittel und die Wand ist beige gestrichen. Man hört das eintönige Piepen der Maschine die den Herzschlag wiedergibt. Die Beatmungsgeräte die im immer gleichen sonoren Rhythmus ihren Dienst verrichtet.
Das Licht ist gedimmt und die Atmosphäre ist fast greifbar voller bedrückter Hoffnungslosigkeit.
Der Blick der Krankenschwester fällt besorg auf die Anzeige der Monitore und den Brustkorb der Patientin der sich hebt und senkt, gleichmäßig aber ohne eigenen Antrieb. Es ist bemerkenswert wie man einem Menschen ansehen kann, wie die Lebensenergie aus ihm entschwunden ist.
Fast wie bei einem Rettungsring aus dem die Luft entwichen ist.
Links und rechts am Bett sitzen ein junger Mann mit starrem Blick, der von der Monotonie des Piepsen und Rauschen des Beatmungsgerät eingelullt zu sein scheint.
Daneben eine junge Frau, die die Hand der Patientin hält und liebevoll zärtlich darüber streichelt.
Die Tür geht auf und ein Arzt im weissen Kittel betritt den Raum. Alle Blicke gehen hoffnungssuchend auf ihn, doch seine Stirn ist in Falten gelegt. 
Er blickt jeden einzelnen im Raum an und dann sagt er die Wörter, die alle befürchtet und gleichsam nicht hören wollten.
„Der Zustand ihrer Mutter hat sich nicht verändert. Alle Maßnahmen haben keinen Erfolg gezeigt. Ich empfehle deshalb die lebenserhaltenden Maßnahmen jetzt einzustellen.“
Eine Aussage wie ein Faustschlag – aber unausweichlich und bei allen längst im Geiste akzeptiert. Aber dennoch, ausgesprochen verfehlen diese Worte ihre Wirkung nicht und reissen einem den Boden unter den Füßen weg.
Der Arzt bemerkt den fragenden Blick in den Augen der jungen Frau, die Ratlosigkeit. Er spürt wie leer ihr Geist in diesem Moment sein mag. Er blickt sie intensiv an, fast als wolle er vermeiden dass sie seinen folgenden Satz missdeuten könnte. „Ihre Mutter hat den Kampf gegen ihn verloren, wir können nichts mehr tun. Über 3 Jahre hat sie nun in diesem Zustand gekämpft, es ist Zeit sie nun gehen lassen.“
Die junge Frau senkt den Kopf, streichelt mit ihrer Hand behutsam über das Gesicht der Patientin. In ihren Augen scheint das „Warum“ zu weichen und wird durch Klarheit ersetzt.
So viele Fragen, so viel zu sagen – doch es herrscht Stille, denn jeder der Anwesenden weiss, dass es nun keiner weiteren Worte mehr bedarf.
Still und fast kaum merkbar nickt sie dem Arzt zu, wie auch der junge Mann ihr gegenüber.
Der Arzt drückt schweigend einen Knopf und plötzlich wird die Stille im Raum so laut, dass man es kaum noch ertragen kann. Kein Piepsen mehr, kein Rauschen der Beatmungsmaschine – absolute Stille.
Die junge Frau schaut langsam aufwärts um ihren Gedanken und ihrem Geist etwas zum Festhalten zu verschaffen. Ihr Blick schweift über die Schläuche und Kabel, die sie eigentlich garnicht mehr sehen und im Sinn haben möchten und bleibt an einem Bild an der Wand über ihr stehen. Ein Bild was sie in all den Jahren seit dem sie kommt um ihre Mutter zu besuchen nie richtig aufgefallen war. Darauf war eine wunderschöne Blumenwiese zu sehen auf der sich ein Bergbach friedlich Richtung Horizont schlängelt. Was für ein schöner Ort, der da auf den Bild zu sehen ist, denkt sie sich. Ihr Blick wandte sich der Krankenschwester zu, die am Kopfende des Bettes steht und fragt: „ob meine Mutter wohl in all der Zeit ihres Komas etwas empfunden, oder von all dem hier gespürt hat?“
 Die Krankenschwester überlegt und antwortet – „niemand weiss das genau, doch ich bin mir sicher sie hat gekämpft und ihre Nähe gespürt“.

Die junge Frau hält nun die Hand der Patientin ganz fest, während sie registriert dass sich der Brustkorb ihrer Mutter ein letztes mal senkt.
Sie streichelt die Hand und sagt ganz leise, kaum hörbar:„Mama“
Ihr Blick wandert hinüber zum Fenster, wo die Sonne wie in einem blutroten Schleier hinter den Hügeln verschwindet. Kurz aus dem Augenwinkel, sieht sie etwas weißes am Fensterbrett, 
einen Schmetterling – ein weißer Schmetterling.

8 Kommentare auf “Der weiße Schmetterling

  1. wow, ichbin sprachlos. Die Geschichte hat mich mitgerissen, mein Kopfkino angekurbelt und das Ende total überrascht! Großartig!

  2. Es ist..als habe ich gerade die geschichte meiner Mama gelesen…..

    Nein….ich habe sie gelesen….

    Ich bin so furchtbar traurig…..und doch hat das bild am fluss erwas tröstliches…so muss siee auch gefühlt haben..nach ihrem langen schmerzhaften Kampf..

    Es tut so weh…..und trotzdem hilft es ein wenig…der gedanke..dass sie frieden gefunden hat..

    Danke

  3. Es ist als habe ich die geschichte meiner Mama nochmal erlebt…

    Nein…ich habe sie nochmal erlebt…

    Ich bin so traurig ..und doch hat der gedanke ..dieses bild am Fluss..dass sie ruhe gefunden hat…etwas tröstliches für mich..

    Danke…

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