Deutschlands TV-Publikum

 

Oh Deutschland, deine Helden, deine Idole dein Publikum.
Jede Epoche kennt ihre spezifischen, psychischen Störungen. Vor hundert Jahren war es die Neurasthenie, jene ominöse Nervosität, die die Beschleunigung der Industriegesellschaft produzierte. Heute ist es die narzisstische Persönlichkeitsstörung. Wer eine solche sein eigen nennen darf, ist fit fürs deregulierte Wirtschaften und seinen medialen Exerzierplatz namens Reality TV.

Wir sind ein Volk von Spannern und stehen nicht dazu. Haben wir nicht alle als Jungs früher Pornohefte unter der Bettdecke verschlungen? Die erste nackte Titte, die wir stundenlang studieren konnten war doch etwas Erleuchtung. Und haben wir dazu gestanden?
Nein – noch heute behaupten so viele von uns: Masturbiert? Wer? Ich? Niemals!
So was kommt mir nicht ins Taschentuch.
So ähnlich läuft es heute beim allabendlichen Fernsehspass.
Kämpfen da 10 Wilde C-Promis unter Qualen um unsere Gunst, behaupten wir doch alle – nee, so was schaue ich mir doch nicht an! Um Gottes Willen!

Doch mal ganz unter uns Pastorentöchtern, würde ich Chriss, Schreiber dieser Zeilen, ein Konzept abliefern mit fast 40% Marktanteil bei der Zielgruppe könnte ich mir meinen Fuhrpark vergolden.
Doch was machen unsere Deutschen? Sie stehen nicht zu ihrer Unterhaltung. Zweischneidig und heuchlerisch diskutieren sie mit gespaltener Zunge. Auf dem einen Kanal wählen sie Dieter Bohlen zum Wasauchimmer-Helden auf dem anderen wählen sie den gleichen zum nervigsten Deutschen – ist das nicht Multikulti?
Hut ab vor diesem kleinen Mann. Etwas Ähnliches zu schaffen wäre so, als würde der Pabst ein Pornokino eröffnen und beides erfolgreich führen – Gratulation und Respekt.
Doch die eigentliche Verlogenheit beginnt bei den abendlichen Spannern in unserer Nation – aber es kommt noch besser – sie spannen nicht nur, sie jammern auch noch darüber.
Bestes Beispiel das Dschungelcamp von RTL.

Interessanterweise ist dabei immer nur vom «Camp» die Rede, was natürlich nichts anderes als die freizeitgesellschaftliche Übersetzung von «Lager» ist, das seinerseits dann doch zu sehr an Örtlichkeiten erinnern würde, die die jüngere Geschichte und Gegenwart unseres Landes nicht nur auf symbolischer Ebene maßgeblich prägen.

Im Lager trägt man Uniform, und so sieht man die Insassen des Dschungelcamps, wenn sie nicht halbnackt in ihren Hängematten vegetieren oder sonstwie sinnlos herumlungern, in standardisierten roten Hosen herumlaufen, auch die Hüte sind normiert. Sie tragen Telefonnummer und Namen auf ihren solchermaßen personalisierten T-Shirts mit sich herum. So kann man die Leute vor den Schirmen schon mal daran gewöhnen, dass in Zukunft stetige Identifizierbarkeit als normal zu betrachten ist. Der «Krieg gegen den Terror» und seine Biopolitik des erfassten und markierten Körpers wird von den Verantwortlichen bei RTL auf beispielhafte Weise unterstützt. Der Bundes Innenminister kann seine biometrischen Ausweise schon mal bestellen. Wir alle bedanken uns, denn haben wir uns längst gewöhnt, spätestens seit BigBrother, an den Gedanken der permanenten Überwachung, und was solls, wenn die Grenzen zwischen TV und Realität verschwimmen.
Das nur auf den ersten Blick Paradoxe dabei ist, dass auf RTL nun einerseits ein Format zu sehen ist, das «Superstars» zu produzieren vorgibt, nun aber gleichzeitig «Prominente» vor laufender Kamera demontiert werden. Der Sender Verwertet also seine eigenen Produktionen. Daniel K. als Spielball einer Spassgesellschaft. Aber er ist es ja, der die Pfiffe einsteckt und ekliges Getier halb verschlucken muss, dieser blöde Trottel. Recht habt ihr und ich sehe schon, welche hoch philosophischen Diskussionen wieder ausbrechen werden von all so vielen, die dieses Medientreiben doch so kritisch beobachten.
Vielleicht sind wir einfach an einem Punkt angelangt in dem man resigniert feststellen muss, jawoll, ich lebe in einem Staat von Vollidioten. Und dass mir jetzt keiner sagt, die Medien machen die Trottel, nein sie bedienen sie nur.
So ertappt man sich also selbst dabei, wie man nicht ohne Abscheu, aber dennoch fasziniert dem absurden Treiben der Egomanen zusieht. Wie etwa der Lagermob über Susan Stahnke herfällt, weil die nachher ein Buch schreiben will über ihre Erlebnisse mit den anderen Ich-AGs. «Hintergangen» fühlen sich da die Insassen, als gäbe es unter den Bedingungen des TV-Gulags noch irgendeine bürgerliche Idee von Anstand und Moral.
Eine Moral in einer Gesellschaft voller Spanner – ist das nicht witzig?
Die Moral, die hier gilt, lässt sich in einem kurzen Satz formulieren: Auch Selbsterniedrigung ist nichts anderes als eine Form des Selbstmanagements. Sobald man sich dessen bewusst ist, lässt sich’s leben im Universum der Talkshows, People-Propaganda und Gerichtsformate. Denn wer etwaige Zumutungen zumindest theoretisch abzulehnen bereit ist, weil sie nicht dienlich scheinen, andererseits aber noch jedes Mitmachen bei einer Ekel erregenden Aktion als Ergebnis einer freien Wahl interpretiert, steht wahrlich über den Dingen.

Doch fest steht für mich nur eine Frage – sind es die Gladiatoren denen man den Vorwurf machen soll oder das Publikum, dass ihr Blut sehen will?
Ich freue mich schon auf all die Menschen, die mit erhobenen Zeigefinger die Medien verurteilen, dass sie etwas ausstrahlen, was doch wirklich keiner sehen will.
Da bleibt nur eins –
Gute Nacht Deutschland – und an den Kanzler der gut gemeinte Rat:
Spart das Geld für Bildung und baut lieber Autobahnen, das hat noch immer geklappt!

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