Aufstand im Fotostudio

Habt ihr jemals den Aushang eines Fotostudios genau betrachtet?Ich meine jetzt nicht die Passbild-Fotos bei denen man ja nicht viel falsch machen kann.
Seit Jahren laufe ich immer an diesen Vitrinen vorbei und schaue mir die Bilder darin an in der wirren Hoffnung irgendwann einmal an einer vorbei zu kommen in der wirklich ein tolles Foto hängt.

In den 80er und frühen 90er dominierte noch die akkurate Symmetrie die Fotos in der Auslage. Die klar abgemessenen Scheitel, das zur Fratze festgewachsene Grinsen. Auf Familienbilder wirkten die Kinder oft wie aufgespießt und festgetackert.
Man konnte auf den Bildern geradezu ablesen wer von der Familie die glorreiche Idee hatte mal zum Profifotografen zu gehen um ein schönes Familienbild zu haben.
Besonders toll waren die Hochzeitsbilder anzusehen, vielleicht auch ein Grund wieso ich nicht verheiratet bin und es womöglich nie sein werde.
Die Frisuren der Frauen sehen aus wie einzementiert und die Männer schauen aus ihren Augen wie ein Reh kurz nachdem aus dem Wald kommt und in das Scheinwerferlicht eines Autos blickt, unmittelbar vor dem Aufprall.
Naja aber alles schön gerade und im Winkel.
Das ist sicher der wesentliche Aspekt auf den so mancher Dorffotograf pedantisch achtet.

Doch irgendwann Mitte oder Ende der 90er fingen diese Passbildfotografen an, ihre künstlerische Seite zu entdecken. Es mag am Generationswechsel liegen oder einfach daran, dass sie sich denken als Besitzer eines Fotostudios doch ein echt krasser Künstler zu sein.
Sie fingen an Bewegungen in Hochzeitsfotos zu arrangieren.
Also Braut und Bräutigam stehen nicht mehr vor einer grauen Fototapete mit kleinem Tischchen inklusive verstaubtem Plastikblumenarrangement.
Jetzt gern genommen, Braut lässig um einen ollen Baum oder Mauer gewickelt und er steht dröge daneben.
Oder Familienbilder vor lustigen Hintergrundmodulen. Familie im Vordergrund, macht auf lustig oder machen irgendwas anderes arrangiert Lächerliches.

Aber der absolute Knaller sind neuerdings Aktphotos in den Vitrinen um den künstlerischen Anspruch des Passbildfotografen zu unterstreichen.
Meist schlängeln sich irgendwelche arme Frauen auf einem Flokatiteppich -Imitat-Fellimitat und schielen erotisch-lächerlich in die Kamera.
Unterstützt wird das alles von dem irrsinnigen Trend, jeder könne sich als Aktmodel fühlen und sich so ablichten lassen, leider wurde dies auch lange von den Medien so propagiert und es finden sich zig Fotografen die auf diesen dämlichen Zug aufspringen und diesen Unsinn mitmachen.
Das führt nun dazu dass unverhofft um die Ecke zu meiner Wohnung gehe, nichts böses ahnend, und plötzlich stehst du vor so einer Vitrine und es lächelt dich Heike aus der Kinderkrabbelgruppe an. Die kleine blondierte Draufgängerin die ihrem Liebsten noch mal so richtig die erotische Kiste zu Weihnachten entgegenstrecken wollte.
Mit allen Klischees inklusive.
Arschgeweih oder listiger Lurch oder Panther auf dem Schulterblatt oder auch gern genommen ne Lilie die aus dem Höschen blitzt.
Diese Frau wird dann hemmungslos auf dem Boden so auftrapiert bis alle Natürlichkeit unter dem knacken der Bänder zum Teufel geht.
Da ist sie nun die Heike in ihrer vollen Pracht halb hängend angelehnt, halb liegend hintrapiert und man fragt sich ungewollt von wem es mehr Mut abverlangt ob Heike aus der Krabbelgruppe oder vom Fotografen der dieses Machwerk als sein eigenes outet.
Doch das geht natürlich auch mit Männern. Nackter Oberkörper auf dem Ärmel das klassische Tribal-Tattoo schaut der Nachwuchs Macho mit seinen weißen, dünnen Oberärmchen verzweifelt in die Kamera und versucht irgendwie gefährlich und cool zu schauen.
Doch das gelingt nie und wirkt auf den Betrachter mehr wie ein Hilferuf.

Da man im Laden ja versprochen hat jeden erotisch zu fotografieren, wird dann bei den schlimmsten fällen hoffnungslos gephotoshoped. Gesichtszüge werden großzügig weggesmootht so das nur noch eine Fratze bleibt und an jene Gebilde erinnert die sich Großwildjäger bestenfalls über den Kamin hängen.
Ganze Brustpartien gehen übergangslos in Halspartien über Po- und Hüftpartien werden so schonungslos entdellt dass man den sog. Bodyshape nur noch vage erahnen kann.
Wieso machen die das? Ich meine jetzt nicht nur die Modelle die können nichts dafür die überschätzen sich eh immer und liegen diesem Trend ohne Vorwarnung auf und weil sie dann noch in einer Vitrine hängen, der Öffentlichkeit ausgeliefert glauben die tatsächlich unwiderstehliche Sharon Stones zu sein.
Aber ich bitte doch darum, das kann so nicht weiter gehen – das will ich nicht sehen müssen und mir ständig Gedanken darüber machen, für wen ich mehr Mitleid empfinde.
Ich meine Heike kann ja nichts dafür, vielmehr ist es ein verzweifelter Versuch aber doch bitte nicht so.
Da liegt sie nun, so offen und ungeschützt in dieser Vitrine, versucht krampfhaft erotisch zu gucken und hat alle Hände damit zu tun ihre Problemzonen zu verdecken.
Ihre ungeraspelten Hornhautfüße schälen sich aus den Highheels von Beate Uhse Billig-Sortiment auf denen noch das Preisschild klebt.
Ich sehe ja ein, so ein Ensemble zu trapieren strengt genug an, da kann man nicht noch einen Blick für Details verlangen. Aber bitte muss man damit ästhetikverliebte Passanten, die nichts ahnend ihres Weges gehen, konfrontieren?

Bitte versteht mich nicht falsch, ich habe nichts dagegen wenn Heike sich so ihrem Günther des nächtens darbietet aber muss man mir so ein Bild mit dem Siegel künstlerischem Anspruchs um die Ohren hauen?

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